Ich will ein Stoma haben!


Otmar ist 53 Jahre alt und lebt mit seiner Frau und seiner Tochter in Konz. Seit zwei Jahren lebt er mit einem Colostoma. Es war sein eigener Wunsch. Zuvor bereitete ihm seine Querschnittlähmung große Probleme mit der Verdauung, und er verbrachte jede Woche mehrere Stunden mit dem Abführen.

Abbildung: Otmar im UrlaubIch hatte 1983 im Alter von 24 Jahren einen Autounfall und bin seither Tetraplegiker, querschnittgelähmt, Halswirbelbruch C6/C7. Seit 29 Jahren bin ich Rollstuhlfahrer.

Mein größtes Problem war all die Jahre meine Verdauung. Auch sie funktioniert durch die Lähmung nicht mehr. Ich musste Abführmittel von oben einnehmen, und dann immer zu einem gewissen Zeitpunkt den Stuhlgang durch Zäpfchen auslösen. Diese ganze Prozedur hat zwei Stunden, manchmal sogar drei Stunden gedauert. Dreimal in der Woche.

An diesen Tagen konnte ich nicht aus dem Haus, obwohl mein Toilettengang ja nur für den Abend geplant war. Wenn ich morgens zu viel Abführmittel genommen hatte, konnte der Stuhlgang zu früh kommen, hatte ich zu wenig genommen, hatte ich nach dem Toilettengang das Gefühl, dass da noch was kommen konnte… Ich musste dann zu Hause bleiben, habe mich aufs Bett gelegt oder in einen Sessel gesetzt und Fernsehen geguckt.

Doch ich bin berufstätig und arbeite halbtags beim Amt für soziale Angelegenheiten in der Telefonzentrale. Und wenn ich nachmittags Dienst hatte und morgens aber mein Abführmittel genommen hatte, saß ich bei der Arbeit wie auf heißen Kohlen und musste dann noch heimfahren. Ich kann nur die rechte Hand ganz gut bewegen, die linke Hand nur sehr wenig, also kaum greifen oder etwas festhalten. Deshalb konnte ich dort auch nicht immer einfach die Toilette benutzen. Man stelle sich mal vor, wenn was schief geht im Rollstuhl, was das für eine Arbeit ist, das alles noch mal sauber zu kriegen… Das war eine Katastrophe.

Und dann habe ich einen Rollstuhlfahrer kennengelernt, der am Darm eine Fistel hatte und deshalb ein Stoma bekam. Den hab ich besucht und habe mir das angeguckt. Es war im ersten Moment vielleicht nicht gerade angenehm anzusehen, aber mein Kopf hat mir gesagt „Das ist was für dich“. Auch ein anderer Rollstuhlfahrer mit einem Stoma bestätigte mir meine Gedanken, und sagte, dass das Stoma für ihn eine gute Sache ist.

Ich habe dann mal ausgerechnet: Von all den 25 Jahren, die ich damals schon im Rollstuhl gesessen hatte, habe ich so ein ganzes Jahr lang nur auf der Toilette verbracht. Immer nur mit Ängsten. Da habe ich mich entschlossen: „Ich will ein Stoma haben“.

Ich habe daraufhin meinen Urologen gefragt, ob das möglich wäre. Der hat mir von einem Stoma abgeraten. Aber im Klinikum habe ich auch den Leiter des dortigen Querschnittgelähmtenzentrums in seiner Sprechstunde gefragt. Und der hat verstanden, worum es mir ging, und sagte „Wenn sie das wollen, dann können wir das machen. Das Stoma hat viele Vorteile, aber es hat auch Nachteile.“ Und ich habe geantwortet: „Von mir aus sofort nächste Woche!“ und er hat gesagt „Anfang des Jahres vielleicht.“ Es hat sich leider lange hinausgezögert, bis ich dann den Termin für die Operation im Krankenhaus bekommen habe. Und ich habe diesen Tag herbeigesehnt, an dem ich mein Stoma bekomme.

Die Zeit davor habe ich vier Firmen angeschrieben und mir Muster ihrer Stomaprodukte zukommen lassen. Wenn man wie ich als Querschnittgelähmter seine Finger nicht voll bewegen kann, muss man schon wissen: Wie funktioniert das, kriege ich das alleine hin oder brauche ich etwa immer jemanden zur Hilfe? Und ich habe mir zur Probe die Versorgungsbeutel schon geklebt und getestet, welches System für mich das Beste ist: eine zweiteilige Versorgung mit Click-System.

Ich habe auch schon im Vorfeld probiert, an welche Stelle mein Stoma hinkommen sollte. Das ist eigentlich für jeden sehr wichtig. Damit zum Beispiel nicht der Hosenbund auf das Stoma drückt. Besonders wichtig für mich, da ich als Rollstuhlfahrer ja überwiegend sitze. Vor der Operation dann im Krankenhaus haben wir auch gemeinsam festgelegt, an welche Stelle mein Stoma gemacht werden sollte.

Am 7. Juni 2010 habe ich endlich mein Stoma bekommen! Und bei mir sitzt das Stoma genau an einer super Stelle, wo ich gut damit klarkomme. Ich wurde auch sehr gut in die Stomapflege eingewiesen von einer jungen Stomatherapeutin, die hat mir das erklärt, wie das auch bei uns Rollstuhlfahrern geht. Und ich kann nur sagen, seit ich das Colostoma habe, bin ich ein ganz anderer Mensch.

Abbildung: Otmar und sein HandbikeIch singe im Männergesangverein Meurich im ersten Bass. Ich spiele Tischtennis. Im Moment zwar selten, da ich gerade eine Zerrung in der Schulter habe und ich mich zurzeit nicht so gut im Rollstuhl bewegen kann.

Ich habe natürlich immer noch so ein bisschen Verdauungsprobleme, das liegt aber nicht an meinem Stoma, sondern daran, dass mein Darm gelähmt ist. Deswegen muss ich des Öfteren zum Abführen ein Mittelchen nehmen. Ich esse auch ganz normal wie früher. Ich meide natürlich Zwiebeln zu essen oder Bier zu trinken, da muss ich auch vorsichtig sein: Das gibt Blähungen. Diese Probleme hatte ich aber früher auch schon.

Für meine Frau Brigitte und meine Tochter Christina ist mein Stoma gar kein Problem. Meine Tochter ist jetzt vierzehn Jahre, die ist groß geworden in all den Jahren, die ich zum großen Teil abends immer auf Toilette verbracht habe… Ich konnte sie dann vielleicht mal gerade noch sehen, wenn sie zu Bett gegangen ist. Mein Stoma ist daher eine Erleichterung für uns alle, weil ich ja seitdem viel mehr Zeit habe, die ich mit der Familie verbringen kann.

Als ich vor zwei Jahren mein Stoma bekommen habe, sind wir alle so fünf Wochen danach gleich gemeinsam an die Nordsee in den Urlaub gefahren. Das war davor gar nicht möglich. Jetzt ist das kein Problem mehr… ich brauche ein rollstuhlfreundliches Hotel oder auch nur ein ebenerdiges, aber ich benötige nirgendwo mehr eine wirklich rollstuhlgerechte Toilette, die auch seitlich von einem Rollstuhlfahrer anfahrbar ist. Jetzt brauche ich eigentlich nur noch ein Waschbecken und einen Mülleimer.

Und in diesem Urlaub in Bensersiel hatte ich Durchfall bekommen, aber es hat trotzdem alles funktioniert, also ich musste nur an einem Tag sechs-, siebenmal Beutelchen wechseln. Ich dachte erst, die Beutel können nicht groß genug sein, wenn man so ein Problem hat. Hätte ich dieses Problem ohne Stoma gehabt, oh je! Dann wär der Urlaub vermasselt gewesen – und so war es nur so ein halber Tag.

Ja, ich kann jetzt fahren, wohin ich will. Ich mache jetzt auch größere Ausflugstouren mit dem Handbike. Da habe ich immer meine Ersatzbeutelchen dabei. Wenn mal was ist, schnell gewechselt. Mein Stoma hat nur Vorteile für mich.

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Bisher ein Kommentar.

  1. Klaudia sagt:

    Hallo Otmar,

    ich kann mir vorstellen, dass das Stoma für Dich eine große Erleichterung ist. Hochgerechnet habe ich meine Zeit auf der Toilette noch nicht, aber….oh weh…. was für eine Verschwendung an Zeit.

    So hat man doch einfach wieder viel mehr Zeit für die schönen Dinge im Leben.

    Genieß einfach die Zeit, die Du jetzt für Deine Familie oder für den Sport hast.

    LG
    Klaudia

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